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27. August 2011 / 16 Uhr
Experimente im cross-over-Modus

Wassermühle Trittau

Die Geschichte von Haus und Tier ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Im Wechselspiel von Nutzungsinteressen und idealisierten Gefühlswelten ist das Tier einmal bloße „Sache“ und dann wieder Familienmitglied, Inventar oder letzter Halt. Mit ihren Besuchen in den unterschiedlichsten „Verwertungswelten“ generiert Eva Ammermann die fotografischen Grundlagen für ihre Installationen und Selbstinszenierungen.

Wir stehen ganz unter dem Zwang, den Dingen ihre negativen Züge zu amputieren und sie idealiter durch synthetische Operation neu zu modellieren. [1] Jean Baudrillard

Die Beschäftigung mit Tieren folgt bekanntlich den unterschiedlichsten Interessen. Angefangen bei der reinen Neugier des Entdeckers bis hin zur kommerziellen Verwertung. Die Beziehungen des „Menschentiers“ zu seinen „Mittieren“ zu einem künstlerischen Thema zu machen, sieht auf den ersten Blick wie ein Nacharbeiten in den Spuren der enteilten Forschung aus. Sicherlich ist ein Aspekt derjenige der Aneignung dessen, was uns da alltäglich so als Forschung‘s letzter Schluss unterkommt. Mangels ausreichender Fachkenntnis bleibt den meisten Zeitgenossen nur der philosophische Anker: Zur Kenntnis nehmen und wirken lassen. Aber auch beim Philosophieren blicken wir wieder auf eine lange Geschichte zurück und müssen uns meist eingestehen: Selbst dazu fehlt es uns an Sachverstand.
Den unverstelltesten Zugriff auf das Tierleben bietet uns seit frühester Kindheit eine Art „angeborener“ Animismus [2], von der kindlichen Nachahmung tierischer Verhaltensweisen bis hin zur unüberschaubaren Anzahl symbolischer Vergleiche und Überhöhungen. So gesehen kann selbst die alltägliche Nahrungsaufnahme schnell zum Dilemma entarten. Dem ansässigen Fischhändler hatte eine Kundin zwei Mal das gesamte Karpfenbecken leergekauft, um die Fische in einen nahegelegenen Teich zu entlassen. Plötzlich um den Ruf seines Berufsbildes besorgt, wollte er nach anfänglicher Begeisterung bald keinen weiteren fotografischen Blick mehr in die Schlachtkulisse gewähren, da diese naturgemäß weit weniger appetitlich erscheint als die liebevoll sortierte Auslage am Tresen. Die Karpfenbecken sind inzwischen verhüllt, damit keine weitere Verschleierung des Karpfenzwecks möglich ist.
Aber auch Diskreditierungen, die aus einem dem Städter kaum mehr bekannten, „feindbildlichen“ Naturverhältnis entspringen, bevölkern unsere grauen Zellen. Sie befördern weiterhin die Forderungen nach Beherrschbarkeit des uns bekannten Universums.

Apropos Zellen: Die Eier der Urzeitkrebse „Artemia Salina“ sind derart robust, dass sie ohne besondere Vorkehrungen getrocknet in Tüten zu handeln sind. Bereits unsere Kleinsten können für ein paar Euro mit einem Lebendexperiment beglückt werden, um mit dem Wunder des Lebens zweckfrei herumzuspielen. Ob sich dabei die großen Fragen „Wo kommen wir her – wo gehen wir hin“ einstellen, darf bezweifelt werden. Geübt wird vorrangig unser gängiges Verhältnis zur Natur: sie soll uns Untertan sein. Die Fotografien vom Werden und Vergehen einer Packung „Artemia Salina“ aus dem weihnachtlichen Grabbeltisch des Trittauer Aldi-Markts erhalten hier die hohen Weihen der Kunst und erheben sich zur beispielhaft gelebten Ratlosigkeit angesichts der nicht mehr handelbaren Komplexität von „Welt“.

Beruhigend vielleicht für manchen, in der Abgeschiedenheit eines Marketinggags, die Hierarchie des Lebens klar zu stellen. Sie alle – das Publikum – dürfen sich hier in Pose werfen und Teil haben an der uneingeschränkten Macht über das Krebsgetier. Allein, was für Verwirrung sorgen könnte, ist der „Kunstkontext“, der Fragen nach Form und Farbe, Markt und Schaffen stellt, damit einerseits das eigentliche Thema verfehlt, andererseits aber erst goutabel macht: Die Krebschen sind damit wieder Nebensache, Mittel zum ästhetischen Zweck, auch der Künstlerberuf schreit nach neuen Aufgaben und geht dabei über die eine oder andere Leiche. Nach einigen Wochen findet auch das letzte Tamagotchi-Krebschen sein Ende, sofern ob der guten Pflege kein Nachwuchs das Licht des Petrischalenuniversums erblickt.

„Was du nicht willst, dass man dir antut, das füge auch keinem anderen zu“. Da wären wir im Raum der Mäuse: Damit wir, die Menschen, uns mit unseren Produkten gegenseitig nichts Verwerfliches zufügen, probieren wir so manches erst einmal an den Mäusen aus. Doch nicht nur in der Wissenschaft! Auch schon das Kleinkind kann an seinem Hamster lernen, wie Fürsorge funktioniert und wenn der Hamster dabei mal versehentlich vom Esstisch in den Tod stürzt, hat das Kind was über die Gefahren der Schwerkraft gelernt und dass das vom Wickeltisch schubsen des kleinen Schwesterchens besser zu unterlassen ist. So schützt sich unsere Art vor sich selbst, auf Kosten einer anderen. Ohnehin müssen eine Vielzahl von Lebewesen nicht für unsere Nahrung das Leben lassen, was ja noch von einer gewissen Erdverbundenheit zeugen könnte, sondern für unseren Konsum symbolischer Luxuswelten. Wenn der Mensch „wächst“, so tut er dies nicht nur für sich wie andere Arten, sondern über sich hinaus. Was mit einer wagen Hoffnung auf ein von der „bösen“ Natur unabhängigeres Leben angefangen hat, ist zu einer Orgie der Sachzwänge geworden, die wir als „täglich Brot“ zu bezeichnen gewohnt sind. Im Gewirr der Hybriden (oder sollte ich sagen: im Aufmarsch der Bastarde?) ist es von Vorteil, die Stadt zu flüchten. In der Idylle von Kuddewörde kann man mittels einer Lebendfalle noch originäre Erfahrungen mit Feldmäusen machen, in vermeintlich stiller Eintracht mit der Natur feststellen, dass Feldmäuse Errungenschaften wie „Nusskati“ mehr zugetan sind als Speck. Anders die Zuchtmaus aus einer Zoohandlung in Trittau. Sie ist für das Experiment g boren. Im Mäusezirkus des Hamburger DOM ist festzustellen, dass sich die weißen und die schwarzen Mäuse, obgleich in einem „Playmobil“-Gehege gemeinsam präsentiert, immer zu ihresgleichen gesellen. Auch daraus wird wieder so manche/r die falschen Schlüsse mit Ewigkeitswert ziehen. Ob als Haustier oder Reptilienfutter, eine Zuchtmaus lebt für uns im Kosmos des Zweckrationalismus.

Gemeinhin wird als das große Unternehmen des Westens das der Merkantilisierung der Welt genannt: alles dem Schicksal der Ware preisgegeben zu haben. Das Unternehmen bestand aber viel eher in der Ästhetisierung der Welt, in ihrer kosmopolitischen Inszenierung, ihrer Verbildlichung, ihrer semasiologischen Organisierung. Jenseits jenes Waren-Materialismus wohnen wir einer Semiurgie jedes Dings durch die Werbung, die Medien, die Bilder, bei. Selbst das Marginalste, das Banalste, das Obszönste wird ästhetisiert, kulturalisiert, musealisiert. Alles kann man sagen, ausdrücken, alles nimmt die Kraft oder Form des Zeichens an. Das System funktioniert weniger nach dem Mehrwert der Ware als nach dem ästhetischen Mehrwert des Zeichens. [3] Jean Baudrillard

Nach diesem Zitat ließe sich verschärfen: Die Zuchtmaus lebt für uns im Kosmos des Zweckeuphemismus. Einer allzu schnellen Einsicht in die Auswüchse menschlicher Neugier dient die Technik des fotografischen „Freistellers“ als Riegel. Vor neutralem Hintergrund fotografiert können wir uns zum Ausgleich ganz in die tierische Niedlichkeit versenken. Zurück im kindlichen Animismusreflex werden unsere Herzen von Unschuld ergriffen und wieder ist ein Tag gerettet. Auch das geliebte Hack wird naturverbunden auf einem Holzscheit präsentiert, der Fisch versinkt in glitzernden Eiskristallen, dank unseres Erfindungsreichtums in Sachen fotografische Inszenierung können wir inzwischen auf Paniermehl verzichten. Wir essen Bilder, nicht Nährstoffe. „Greenwashing“ ist ein hochfeiner kultureller Akt der Imagebildung. Was wir vor nicht allzu langer Zeit als verwirrend bezeichnet und abgelehnt hätten (weil man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll) ist heute „cross-over“ und ermöglicht ganz angesagte Genussmittel. Dass „cross-over“ nicht jedem bekommt liegt dabei auf der Hand. Nach der ersten Faszination werden erwartete Sicherheiten enttäuscht, die Fülle der Zutaten ist kaum noch vermittelbar, jegliche Kontrolle schwindet – in Kunst und Kultur sucht man sie symbolisch wiederzuerlangen – wenigstens als Kontrolle über den Kontrollverlust.

Ähnlich verfährt Eva Ammermann in Trittau: Sie geht bummeln, fügt sich ins kleinstädtische Leben ein, hält hier und da ein Schwätzchen, bittet um ein Foto, wenn sich das Gespräch vertiefen lässt – und schoppt sich so ganz nebenbei die Objekte für eine Kunstausstellung zusammen. Um die Kontrolle über all die Eindrücke und Einkäufe zu behalten, verfährt sie grade so wie es eine Konzernleitung tun würde: Sie kombiniert und ästhetisiert die erstandenen Zutaten, indem sie Gebrauchsanweisungen folgt oder zuwiderhandelt und – im Gegensatz zu allen anderen – die Einkäufe nicht nur verzehrt, vergißt oder wegwirft, sondern die Herrlichkeit der kleinen Fluchten im Bild zur Schau stellt, um uns was zum Nachdenken zu kredenzen. Das ist die kulturelle Leistung: Schnappschüsse aus dem Reich des kleinen Konsums, regional, vor Ort, in der Nachbarschaft des Betrachters. „Think global, act local“.

Unsere symbolische Welt der Tiere entspringt einem Labor zur Kreuzung der Zeichen. Die Stärke der westlichen Gesellschaftsordnung ist es, für jede mögliche Symptomverschiebung gewappnet zu sein, was einer Therapieresistenz gleichkommt. In diesem Sinne ist – für den Einzelnen ganz privat wie auch im Kollektiv – beständig Grundlagenforschung bezüglich der Akzeptanz möglicher, noch unverbrauchter Sinnbilder nötig. Der neuerliche Aufschwung der „Kreativität“ kommt nicht von ungefähr [4]. Selbst die Negativität, die dieser Aufsatz dem einen oder anderen vermitteln mag: Er findet im Rahmen kulturellen Genusses statt und selbst ein spontaner Ausbruch von Wut über das hier Geschriebene kann diese These nur bestätigen. Letztlich geht es darum, Negativität zu umschiffen. Mit der Nachricht von der Vertreibung aus dem Paradies hat sich noch kaum jemand abgefunden, sonst – das ist das Paradoxe – würde sie nicht so hartnäckig unsere Kulturen belagern. Die schlechte Nachricht klebt als schöner Schauder an den Pinseln der Künste. Auch an den Wertpapierbörsen wird mit schlechten Nachrichten das meiste Geld verdient (wie schön) ganz im Gegensatz zur landläufigen Meinung.
Das Überbringen schlechter Nachrichten entspricht in der Kunst – trotz eines gewissen Provokationsbonus – immer noch nicht den gängigen Vorstellungen, insbesondere wenn sich diese auf das direkte Umfeld der späteren Präsentation beziehen. Die (Selbst)Erkenntnisse kommen bei Eva Ammermann Huckepack. Bei der Rekrutierung ihrer „Modelle“ im Umfeld des späteren Publikums steht das Interesse am nackten Gemeindegeschehen im Vordergrund und erst später wird klar: Diese „Kunstausstellung“ ist kaum mehr als ein Alibi, sich als Fremde in institutioneller Mission bei fremden Leuten vertraulich herumzutreiben und sie nebenbei und in Vorspiegelung schierer Harmlosigkeit vor im Alltäglichen versteckte, nicht alltägliche Fragen zu stellen. „Nun, das ist, was wir von Kunst erwarten“, werden einige von ihnen sagen, andere: „Aber muss es denn gleich persönlich werden?“ Ja! Wenn künstlerische Arbeit nicht in die Realität des Publikums eingreift, keine unmittelbare soziale Dimension hat, sondern lediglich ferngläsrige Betrachtung orbital entsorgter Symbolwelten ist, wo bliebe da der genüssliche Schauder? „Was sehen wir nicht alles gleichzeitig auftrumpfen!“ [5] und mit was davon erlaubt uns das Verdrängen unserer Verdrängungsstrategien eine soziale Verantwortlichkeit einzugehen? Die Betrachtung der Welt als fremdartige, wenig fassbare Wundertüte ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ohne ist das Leben auch eher langweilig.



        

hyperact dokumentiert eine Performancereihe von
Art Communication Projects
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Das Video der Performance finden Sie dort ...

Der Text der Performance ist auch im Katalog Haus + Tier abgedruckt, erschienen im hyperzine verlag.











[1] in: Die Transparenz des Bösen / Jean Baudrillard, Merve Verlag Berlin 1992, Seite 53

[2] Der Begriff „Animismus“ wurde im Rahmen der Forschungen von Edward Burnett Tylor 1871 in seinem Werk Primitive Culture, Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Art and Custom zur Bezeichnung bestimmter Geister- und Seelensvorstellungen von Völkern früher gesellschaftlicher Entwicklungsstufen eingeführt. Ausgehend von der abendländischen Seelenvorstellung vertrat Tylor die These, dass in der Vorstellung der „primitiven Menschen“ auch Tieren, Pflanzen und Objekten eine Seele innewohnt. Basierend auf diesem Gedankengebäude wurde hier der Ursprung für Dämonen und Geister und schließlich auch von Göttern und von jeglicher Religion gesehen. Der Ansatz wurde später durch den Präanimismus und den Animatismus erweitert. Quelle: Wikipedia

[3] in: Die Transparenz des Bösen / Jean Baudrillard, Merve Verlag Berlin 1992, Seite 23

[4] Nachdem ein gewisser Richard Florida in „The Rise of the Creative Class“ 2003 die Richtlinien für eine florierende Metropole entworfen hat, ist selbst das längst tot gesagte Feuilleton zurückgekehrt: „Kunst“ am Ende der TV-Nachrichten dient der Illustration der Schrecken der Welt. Wenn das nicht Lebensstil hat! Gerührt lauschen wir den vorgeführten Künstlern, die uns auf amüsante Weise Ernsthaftigkeit simulieren, damit wir wenigstens die Erinnerung an dieses Gefühl nicht verlieren – Ernsthaftigkeit als stille Reserve für schlechtere Zeiten.

[5] in: Die Transparenz des Bösen / Jean Baudrillard, Merve Verlag Berlin 1992, Seite 44